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Patriarchale Strukturen vergiften auch die Vorstellung von einer anderen Welt

Am 2. November stießen wir auf einen Brief von Menschen, die die Revolutionäre Anarchistische Föderation verlassen hatten. Darin schilderten sie die psychische und körperliche Gewalt, die sie innerhalb der Organisation erlebt hatten.

Wie bei anderen Fällen, in denen Gewalt öffentlich gemacht wird, zeigte auch der Fall der DAF, wie schwer es ist, das Erlebte zunächst im Stillen für sich selbst einzuordnen und schließlich laut darüber sprechen zu können. Die Veröffentlichung löste zugleich politische Debatten aus, warf Fragen über die fehlende Kultur der Selbstkritik auf und gab Anlass zu untersuchen, wie und warum sich Organisationen in der türkischen Politik selbst erschöpfen.

Für mich hat diese Veröffentlichung noch einen anderen Knoten gelöst. Auch meine eigenen Erfahrungen mit politischer Organisierung stammen aus einer Gruppe, die sich als anarchistisch verstand und in der es ähnlich zuging. Sie entstand Ende der 1990er-Jahre und erreichte bei den Protesten gegen den NATO-Gipfel 2004 in Istanbul ihre größte Stärke. Als ihr Solidaritätsnetz und ihre Mitgliederzahl immer weiter schrumpften, versuchte sie 2006 und 2007, sich unter einem anderen Namen neu aufzustellen. Damals war ich selbst dabei.

Ich schreibe diesen Text vor allem, um darüber zu sprechen, wie patriarchale Strukturen vergiftete Räume schaffen und damit die Vorstellung von einer anderen Welt immer unmöglicher machen. Ich stehe an der Seite derer, die die erlebte Gewalt öffentlich gemacht haben. Solange wir die Missstände, denen wir in verschiedenen Phasen unseres Lebens ausgesetzt sind, weder ansprechen noch anderen davon erzählen, bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als sie zu verinnerlichen. So seltsam es uns auch vorkommt, sagen wir uns irgendwann: „Hier ist das wohl normal.“ Einen Ausweg bietet die nostalgische Sehnsucht nach den guten alten Zeiten kaum. Auch die früheren Organisationsformen, die im Rückblick romantisiert werden, waren für Frauen unsicher. Natürlich gab es Ausnahmen, doch sie machen das Gesamtbild kaum weniger bedrückend.

Auch die Erfahrungen von vor 40 Jahren zeigen, was eine andere Welt verhindert, und sie haben ihre Aktualität bis heute behalten. Meine Mutter war vor und nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 in der Gewerkschaftsbewegung aktiv. Wenn sie sich daran erinnert, spürt man noch heute ihre Wut darüber, wie willkürlich und zermürbend die Geschlechterrollen in der Organisation waren.

Sie erzählt, dass politische Weggefährtenschaft keine Gleichberechtigung bedeutete. Frauen galten, wenn es den Männern passte, als Mitstreiterinnen, sonst als Kolleginnen, die sich um die Küche kümmern sollten. So sehr sie sich dagegen wehrten, änderte sich nichts. Zu Treffen, zu denen die männlichen Mitglieder sich nicht trauten, wurden die Frauen mit abgedroschenen Argumenten gedrängt: „Ihr seid Frauen, ihr sprecht sanfter, seid mutiger und kompromissbereiter.“ Nach dem Putsch vom 12. September wurde die Gewerkschaft aufgelöst. Anschließend bildeten sich unter anderen Namen kleine neue Gruppen. Meine Mutter wurde wieder aktiv. Als sie in die neuen Gewerkschaftsräume ging, um sich über die jüngsten Entwicklungen zu informieren und sich auszutauschen, versuchte der ehemalige Gewerkschaftsvorsitzende, sie zu belästigen. Es blieb beim Versuch: Kaum setzte er dazu an, bekam er das neue Bügeleisen, das meine Mutter mit nach Hause nehmen wollte, samt Karton auf den Kopf. Sie hatte es gerade von ihrem Gehalt gekauft. Zu Hause sollte es der Frau im Haushalt, meiner Großmutter, als Teil ihrer „Verantwortung“ übergeben werden.

Benennen wir es also richtig: Vom Täter S bis zum Täter M müssen diese Organisationen sich fragen, wie patriarchale Räume neue Täter hervorbringen und ihnen Rückendeckung geben. Die Frage, ob linke und anarchistische Texte richtig verstanden wurden, greift zu kurz. Solange diese Auseinandersetzung ausbleibt, reproduziert sich patriarchale Macht in allen Räumen, ob offiziell oder alternativ.

Je stärker sich diese Räume nach außen abschotten, desto deutlicher zeigt sich ein gemeinsames Muster: Sie berufen sich auf hierarchische Familienstrukturen und hierarchische Wissensvermittlung, um Menschen zu überzeugen und das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Wer die Familie als Mikroraum der Macht beschreibt, in dem sich das System reproduziert und erhält, und sich beim Genuss der Macht rasch in das verwandelt, was er abschaffen wollte, handelt wohl kaum zufällig. Unter dem Vorwand, Erfahrungen weiterzugeben, wird Druck ausgeübt. In Sitzungen entscheidet, wer die Macht hat. Unsichtbare Hierarchien bestimmen die Sitzordnung, und endlose Reden sagen nichts aus. Beim kleinsten Zeichen von Ermüdung oder Widerspruch schlüpfen die Verantwortlichen in die Rolle des großen Bruders, Vaters oder Weisen. Um von den Verhaltensweisen abzulenken, die sie zur Tradition erklärt haben, schieben sie der betroffenen Person die Verantwortung zu und machen ihre Wahrnehmung, ihren Charakter oder gar ihre Existenz dafür verantwortlich.

Frauen brauchen weder einen zweiten großen Bruder noch einen zweiten Vater oder einen patriarchalen „Weisen“, erst recht nicht, wenn sie versuchen, sich von den anderen zu befreien. Was wir brauchen, ist „ein Prozess, der organisch wächst und dem Nützlichen und Konstruktiven Farbe verleiht, statt im Dunkeln voranzuschreiten”.*

*Goldman, E., 2006. Dans Edemeyeceksem Bu Benim Devrimim Değildir, Agora Kitaplığı, İstanbul.

Titelbild: Mujeres Libres (Freie Frauen). Die anarchafeministische Organisation wurde von Frauen gegründet, die sich gegen den zunehmenden Sexismus an den Fronten des Spanischen Bürgerkriegs wehrten. Sie war von 1936 bis 1939 aktiv und zählte bis zu 20.000 Mitglieder. Proudhons problematische Vorstellungen von Familie und den Rollen, die Frauen im Haushalt übernehmen sollten, trugen dazu bei, den Kampf der Frauen an der Front unsichtbar zu machen und sie wieder in den häuslichen Bereich zu drängen (Ackelsberg, M. A., 2005. Free Women of Spain. Anarchism and the Struggle for the Emancipation of Women, AK Press, Oakland).

*Dieser Text erschien zuerst auf 5harfliler.com.

Autorin: Hazal Azeri

Category: #PuduBLOG